Farbnamen – Oder: Sind Worte nur Schall und Rauch?

Überhaupt setzt ja schon ein einzelner Name für eine Farbe ein gewisse Abstraktion voraus, ein Ausblenden der Umgebung, ein bestimmtes Format, eine Größe der Erscheinung voraussetzend.

Ein Himmelblau mit den Ausmaßen einer Briefmarke ist eben kein blauer Himmel. Genau so wenig wie ein Sonnenuntergang auf einer Postkarte ein Sonnenuntergang ist.

Es gibt Farben, die nur mit adjektivischen Ergänzungen zu beschreiben sind, Farben, die nicht einheitlich auf einer Fläche erscheinen, deren Auftreten sich durch ständige Veränderung kennzeichnet innerhalb eines bestimmten Rahmens. Beispiel: Perlmutter. Die Farben von Kristallen, Edelsteinen, die Farben der Edelmetalle gehören dazu.

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Auch die Beschreibung der Farbe von Augen ist, genau betrachtet, mit „normalen“ Farbnamen eigentlich nicht ausreichend. Sagt man z. B. „er hat blaue Augen“ und lernt man sich näher kennen, so sieht man vielleicht, dass das Blaue ins Graue oder Grüne verschwimmt, je nach „Tagesform“ sogar seine Farbe wechselt, durch das wässrige, durchsichtige Medium der Augenflüssigkeit hindurch „irisierend“, partiell anders gefärbt erscheint, in ständiger Verwandlung ist.

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Diese Tingierungen einer Farbe sind meist als wertvoll, kostbar, als etwas Besonderes notiert. „Metallic-Orange“ wirkt teuer (und als Autolackierung ist es auch nur sehr teuer zu fertigen…), das bloß orange-farbige Fahrzeug vergleichsweise „billig“.

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Manche Sprach- und Farbforscher haben die These vertreten, dass die Menschheit mancher Regionen, oder zu weit zurückliegenden Zeiten, nicht in der Lage waren bestimmte Farben zu sehen, da aus historischen Zeugnissen keine diesbezüglichen Farbnamen bekannt sind. Oder eine lebende Sprache keine, oder im Vergleich zu anderen Sprachen nur sehr rudimentäre Bezeichnungen für manche Farben kennt. Also gar der Seh-Sinn sich erst langsam entwickelt habe und erst heute in der Lage sei, begrifflich z.B. Lila zu erfassen, während Rot schon in frühster Zeit ein bekannter Wortstamm war. Wäre es aber nicht naheliegender anzunehmen, dass gerade eine sehr innige Beziehung zu einer farbigen Erscheinung, ein sehr genaues Hinsehen, wie in das Auge der Geliebten, diese Vereinfachung auf nur einen Namen verhinderte? Wenn eine Farbe vielmehr weitreichend in Sätzen, in ganzen Erzählungen bezeichnet, nein, beschrieben, umschrieben wurde? Wissen wir nicht, was gemeint ist und sehen die Farbe genau vor uns, wenn wir hören: Ein „Himmel, wenn Engel Plätzchen backen Orange“?
Haben die Alten der Antike, die angeblich keinen Namen für Blau hatten, vielleicht vom Himmelblau nur in ehrfürchtigen Gedichten gesprochen? Vom Violett nur in innersten Bereichen der Tempel mantrisch gesungen?
Wäre dann das scheinbar Unentwickelte, Primitive nicht ein Zeichen weiter entwickelter Menschlichkeit und subtilerer Kultur?

Schon ein bloßer Name ist demgegenüber eine Abstraktion von der realen Erscheinung. Eine Nummer, ein Hexacode, ist der Endpunkt dieser Entwicklung. Sehen wir noch die wirkliche Farbe, beachten wir noch die Wirkung derselben? Sind nicht so manche Irrläufer, offensichtliche Fehlentscheidungen bei der Wahl der Farbe für Kleidung, für den Anstrich eines Hauses, eine Begleiterscheinung dieser Entwicklung?

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Würde ich die Farbe eines Hauses beschreiben wie folgt: Ein „Die-Rapsfelder-erbleichen-vor-Neid-Knallgelb“ würden man das Haus dann so streichen? Vielleicht. Aber eher ist anzunehmen, man würde es sich noch einmal überlegen. Unter dem Licht einer Energiesparlampe betrachtet und auf 5 Quadratzentimeter gedruckt, könnte ein Farbmuster jedoch zu einem solchen Fehlgriff verleiten. Schließlich ist dieses Verfahren „state-of-the-art“, werden doch heute Farben an schlecht, nicht, falsch, oder unterschiedlich kalibrierten Bildschirmen für ganze Schulen bestimmt, und der Glaube an die Unfehlbarkeit von Algorithmen stellt eher den persönlichen Augenschein in Frage als umgekehrt.

Das knallgelbe Haus gibt es wirklich. Was schützt vor solchen Umweltsünden? Gesetze? Früher unterlag die Verwendung von Farben strikter Reglementierung z.B. durch religiöse Ordnungen, oder war durch die reale Verfügbarkeit begrenzt. Wir sind so frei… In der Gegenwart haben wir die Möglichkeit Millionen Farben digital zu definieren, wir haben tausende Namen für Farben, vielleicht benötigen wir aber außerhalb virtueller Welten für die Wirklichkeit unzählige, einmalige Gesänge, Gedichte und Bilder. Da hilft keine Null und keine Eins. Der Natur der Farbe wäre also doch nur mit Kunst beizukommen, wenigstens annähernd.

Zeit für Goethe:

„Natur und Kunst,
Sie scheinen sich zu fliehen,
Und haben sich,
Eh’ man es denkt, gefunden“.